WilhelmHager-GALERY&Museum
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Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb wir in geschwisterlicher Einigkeit beschlossen haben, dieses Buchlein zu produzieren.

Viele Jahre ist es uns - und zwar jedem von uns - immer wieder im Büro unseres Vaters in die Hande gefallen; ein kleines, handgeschriebenes Buch mit einem Einband aus Stoff. Es lag mal hier, mal da und jeder hat es mal aufgeschlagen, die erste Seite mühsam entziffert, es durchaus für interessant befunden und mangels Zeit wieder beiseitegelegt. So viel konnten wir auf der ersten Seite jedoch schon erkennen. Es handelte sich um ein Tagebuch unseres Vaters, im Krieg 1944 - seiner geliebten Mutter gewidmet.

Erst beim Ausräumen seines Hauses nach dem Tod unseres Vaters ist uns dieses kleine Tagebuch wieder begegnet. Unser Bruder Marcel hat sich dann die Mühe gemacht und Wort für Wort in eine Textdatei übertragen. Somit war es uns Anfang 2015 erstmals möglich, den lnhalt dieses Buchleins in einem Zuge durch zu lesen.

Wir alle waren ergriffen, erstaunt, überrascht und auch ein wenig stolz.

In der folgenden Zeit wurde es uns zunehmend zum Bedürfnis, vor allem Freunden und Bekannten, aber durchaus auch Menschen ohne persönlichen Bezug zur Person, diesen Einblick in das Leben eines angehenden jungen Künstlers zu geben. Es geht um Krieg und um Kunst, es ist ein Reiseführer und zugleich eine Liebeserklärung an ltalien und den Gardasee und es ist eine Liebesgeschichte.








Aus der Handschrift übertragen,

mit Fußnoten und Anhang versehen

von Marcel Hager und Margret Schmid, geb. Hager

Lektorat Angelika Burgstahler, geb. Hager



ISBN Nr: 978-3-86460-562-8
Preis: 9,80 Euro







Vorwort

Der Maler und Bildhauer Wilhelm Hager war ein Individualist, an kaum einer Norm zu messen. Individualist als Künstler, Bürger und auch als Soldat. Autoritäten schreckten ihn nicht. Nicht in der kleinen württembergischen Gemeinde Illingen, wohin der Verlust der böhmischen Heimat und die Liebe ihn verschlagen hatten. Auch nicht die "Hanswürste", wie er seine Vorgesetzten in der Wehrmacht in der hier vorgelegten Briefsammlung über seine "italienischen Soldaten-Reise" nannte.


lch bin der Person Wilhelm Hagers erstmals begegnet, als ich mich intensiv mit der Geschichte seiner zweiten Heimat, Illingen, beschäftigte. Ein böhmischer "Füchtling" in einem schwäbischen Acker- und Weinbauerndorf; ein weißer Rabe, der malte und Büsten schuf, vom Bundespräsidenten Theodor Heuss und vom Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse. Das musste Funken schlagen und die Funken flogen auch. Duckmäusertum war Wilhelm Hagers Sache nicht. Aber Humor und Menschenliebe.


Wilhelm Hager war Ende 1944 als Soldat in der Rekonvaleszenz nach lllingen gekommen, wo er die Liebe seines Lebens kennenlernte. Obwohl jung an Jahren, hatte er viel erlebt, vor allem als Soldat; in Russland und Italien und allzu oft in Lazaretten. Viele Soldaten der Wehrmacht haben ihre Erinnerungen an ihre Kriegszeit in Memoiren niedergeschrieben; oder ihre Eindrücke, ihre Versuche, das Erlebte zu bewältigen, fanden Niederschlag in Millionen von Briefen und Tagebüchern. Diese "Ego-Dokumente" einfacher Mannschaftssoldaten ähneln sich meist.


Ich habe als Zeithistoriker Dutzende von Erinnerungsbüchern und Tausende von Feldpostbriefen von Kriegsteilnehmern gelesen. Als ich vor einiger Zeit jedoch die "italienische Soldaten-Reise" von Wilhelm Hager las, war ich Überrascht. Eine solche Form der Schilderungen eines Soldaten über seinen "Frontalltag" war mir noch nie begegnet. Das lag daran, und dies wurde im Laufe der Lektüre immer deutlicher, dass hier nicht in erster Linie ein Soldat schrieb, sondern ein junger Mensch, der sich aus ganzer Seele der Kunst verschrieben hatte; der Erlebtes nicht nur aufschrieb, um sie den "Lieben in der Heimat" mitzuteilen, sondern der auf der Suche war nach Eindrücken und Anreizen, die sein Werden und Wachsen als Künstler befruchten und befördern sollten.


Wilhelm Hager, Anfang 1944 als Soldat einer Nachrichteneinheit am Gardasee eingesetzt, hat reichlich Zeit zum Umherfahren, zum Zeichnen, Skizzieren, Porträtieren. Motive findet er genügend. Ihm fällt auf, dass die Kunst im faschistischen Italien doch noch mehr Freiräume hat als in Deutschland, wo sie ausschließlich der Politik, besser: der Propaganda und Vertuschung der Kriegsrealität dient. Er ist glücklich, dass er mitten im Krieg ein wenig Zeit erhält, als Künstler zu wachsen und zu reifen. Ihn, der eigentlich Bildhauer werden will, schmerzt es, dass er nicht dazu kommt, auch diese künstlerische Ausdrucksform weiter in sich reifen zu lassen. Er beobachtet und bewertet. In einer Mailänder Seitenstraße entdeckt er etwa moderne, in Deutschland als "entartet" oder undeutsch verteufelte Maler: Dix, Klee, Kirchner, Macke, Kokoschka, Modigliani. Das alles begeistert und verwirrt ihn.


Und so ist die "italienische Soldaten-Reise" Wilhelm Hagers mehr als der Bericht eines deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach schweren Kämpfen an einer ruhigen "Front" zu Atem kommt. Es ist die Schilderung einer wichtigen Phase des Reifeprozesses eines jungen Künstlers, der tastet, entdeckt, seinen Weg und sein Ziel als Künstler noch nicht kennt. Und der diesen Weg in einer unruhigen, bedrohlichen Zeit gehen muss.


Wer die folgenden Seiten liest, der wird sich sicher wieder oder erstmals mit dem Werk Wilhelm Hagers auseinandersetzen wollen, über die Person und deren Lebensgeschichte, von der hier ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben ist, sich seiner künstlerischen Ausdruckskraft - vielleicht aufgrund der Lektüre aus einem anderen Blickwinkel - nähern wollen.


Nichts wäre mehr zu wünschen.


Karl J. Mayer, September 2016


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